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Das heutige Rathaus

Nach der Festungsära siedelte König Friedrich II. sächsischen Tuchmacherfamilien an. Die Peitzer Tuchmacher waren so erfolgreich, dass aus den Manufakturen im 19. Jahrhundert ein Industriezweig hervorging,

Kurz vor der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert bemühte sich die Peitzer Bürgerschaft um einen Um- bzw. Neubau des Schulhauses, da das vorhandene Gebäude alt und baufällig war Dieses Gebäude befindet sich allerdings noch heute an der Hauptstraße in einem guten baulichen Zustand. Bei der Planung des Neubaus kam es zwischen zwei preußischen Behörden zu Auseinandersetzungen.

Im März 1804 warf das Generaldirektorium der Küstriner Regierung eine schleppende Bearbeitung der Schulbauangelegenheit vor und erwartete von dieser einen Bericht.

In diesem wurde dargelegt, dass ein Rathausneubau, in dem nun auch die Schule untergebracht werden sollte, geplant war. Der Bauplatz war westlich der Kirche vorgesehen. Die Regierung legte in der Anlage zum Bericht noch Kostenvoranschläge und Baupläne bei.

Daraufhin antwortete das Generaldirektorium:

„Für eine so kleine, unbequartierte Stadt, wie Peitz ist, deren Bewohner nach den vorjährigen Tabellen, wenig über 1.400 Seelen überhaupt ausmache, sind vorgedachte Bauten viel zu geräumig angelegt, und in sofern, wie Ihr und der Magistrat versichert, es nicht an Raum zu Bauplatz fehlt, werden beide Gebäude ganz füglich dergestalt vereinigt werden können, daß

1          im Souterrain die Raths Keller Wirtschaft nebst einer Schankstube im ersten Stock,

2.         im übrigen ersten Geschoß die Schulstuben und

3.         im zweiten Geschoß die Wohnstuben für die Schullehrer und der Sehsions Gelaß für das Raths Personal angebracht wird.

Die Vorarbeiten und Aufstellungen sind so zu beschleunigen, daß in einem Vierteljahr alles fertig ist, im Herbst das Fundament gelegt, das Material herangeholt und im künftigen

Frühjahr der Bau mit Nachdruck angefangen werden kann; für das nöthige Geld wird gesorgt.“

Die Regierung erhob berechtigte Einwände gegen die Vorschläge des Generaldirektoriums:

 „In einer so kleinen Stadt wie Peitz, wo außer dem Rathskeller wenig andere Gasthöfe vorhanden, pflegen im Ersteren mehrere Gewerke ihre Her-berge und Auflagen zu halten, wobey es gewöhnlich unter Musik und Tanz, wenngleich nicht immer tumultarisch, doch sehr geräuschvoll zugeht, auch sonst bey der Schank Wirthschaft Dinge vorfallen, wodurch nicht nur der Unterricht der Jugend äußerst gestört wird, sondern die Jugend selbst an den öfteren anstößigen Vorfällen ein böses Beispiel nehmen kann.“

Der Regierungskommissar Lindenthal schrieb darauf:

„Der Plan mit einem Souterrain kann überhaupt nicht gemacht werden, da es sich gezeigt hat, daß bey der niedri-gen Lage der Stadt Peitz solche Keller nicht gut angelegt werden können; es tritt Wasser in die Keller und ruiniert sie vollständig.“ Die Kosten für den Rathaus- und Schulbau beliefen sich auf 5.019 Taler 3 Pfennige exklusive dem Bauholz. Aus dem Verkauf des alten Rathauses und des Schulhauses erzielte man 1.330 Taler. Weitere 614 Taler, 11 Groschen wurden bereits von der königlichen Regierung bewilligt. Bevor sich die königliche Regierung sowie das Generaldirektorium mit der Restfinanzierung auseinander setzten, schaltete sich am 2. März 1805 der König höchstpersönlich ein:

„Mein lieber Staats Minister von Voß!

Unter den in Eurem Bericht vom 25. angezeigten Umständen, will Ich zu dem vereinigten Schul- und Rathhausbau in Peitz den annoch erforderlichen Kostenzuschuß von 3.509 Thlr 22 Gr 9 Pf auf den nächsten Neumärkischen Meliorationsgelder Plan bewilligen, auch das zu diesem Bau nöthige, nach der Forst Taxe auf 396 Thlr 10 Gr hoch berechnete Holtz, aus den Peitzeschen Amts Forsten frey verabfolgen lassen, und authorisim Euch daher demgemäß, zur weiteren Verfügung, als Euer pp. Friedrich Wilhelm.“

Bereits am 9. April 1805 kam es zur Vertragsunterzeichnung mit Maurermeister Görn und Zimmermeister Hoffmann. Das Gebäude, ein zweigeschossiger, teilunterkellerter, verputzter Ziegelbau mit Krüppelwalmdach, wurde zügig erbaut. Die Ziegelsteine gewann man aus dem Abbruch ehemaliger Festungswerke; insgesamt 115.000 Stück. Da aber 140.000 Ziegel nötig waren, sollte sogar der Festungsturm, ein im Kern mittelalterliches Bauwerk, abgebrochen werden.

Die königliche Regierung dazu:

„Es ist dies nach der Anzeige des Amtes ein altes, unbrauchbares und baufälliges Gemäuer, dessen Reparatur viele Kosten verursachen würde, welche indessen mit dem geringen Nutzen desselben in keinem Verhältnis stehen.“

Das Generaldirektorium war aber zum Glück anderer Meinung und bewilligte die Mittel für den Ankauf der fehlenden Steine. Diese kamen aus dem Abbruch der inzwischen in Privatbesitz übergegangenen Pulverturmbastion. Der Rathaus-Schulbau wurde zügig fortgeführt. Das Gebäude konnte im Herbst 1806 bezogen werden. Die Kombination Rathaus - Schule war jedoch etwas kurzfristig gedacht. 1816 bezog die Gerichtskommission das Gebäude, wodurch der Schulbetrieb erheblich gestört wurde.

In einem Bericht aus dem Jahre 1842 heißt es:

„Seit in dem kombinierten Rath- und Schulhause das ebenfalls darin befindliche Gerichtslokal von der hiesigen Königl. Gerichts-kommission täglich Vormittags und Nachmittags zur Abhaltung von Terminen u.a. benutzt wird, — bis zum Jahre 1841 geschah dies nur selten und ausnahmsweise, — erscheint das Bedürfniß eines eigenen Schulhauses dringend nöthig. Die täglichen Störungen, die der Schulunterricht durch die sich an den Thüren der Klassenzimmer, auf der Treppe und dem Flur versammelnden, wartenden, hinaus — und heruntergehenden, laut sprechenden, oft zankenden Parteien erleidet, sind unerträglich. Es mußten daher kürzlich die Schulkinder einige Stunden früher entlassen werden. Daß auch das Gerichtspersonal in seinen Arbeiten beim Klassenwechsel, bei Ertheilung des Gesangsunterrichts und sonst unangenehm gestört wird, ist natürlich, darum eben die Trennung beider Institute um so dringender notwendig.“

Durch die Entwicklung der Tuchindustrie in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Einwohnerzahl stetig an. Bei der Peitzer Bürgerschaft entwickelte sich in dieser Zeit auch ein völlig neues städtisches Bewusstsein. Die alte Stadtkirche östlich des Rathauses, deren Turm bereits 1838 wegen Baufälligkeit abgetragen werden musste und an gleicher Stelle wieder aufgebaut werden sollte, genügte den Ansprüchen der Peitzer nicht mehr.

Am 30. Mai 1844 besuchte der architektonisch hochbegabte König Friedrich Wilhelm IV Peitz und überzeugte sich als Patron der Peitzer Kirche von der schlechten Beschaffenheit dieser. Ein Kirchenneubau wurde genehmigt.

Die neue Kirche wurde 1854-60 nach Plänen August Stülers errichtet. Einige Analogien zur Berliner St-Matthäus-Kirche, die auch unter dem Einfluss von König Friedrich Wilhelm IV. entstand, sind unverkennbar.

Die Kirche errichtete man westlich des Schul-/Rathauses auf dem Lindenplatz, dem ehemaligen Paradeplatz der Festung.

Nach Fertigstellung der Kirche kam es zum Abbruch des alten Kirchengebäudes.Das daraus gewonnene Baumaterial wurde zur Erbauung einer großen Stadtschule (Fertigstellung Ostern 1865) verwendet. Den ehemaligen Kirchenstandort gestaltete man zum großzügigen Marktplatz um. Einige Bürgerhäuser wurden im Stil dieser Zeit neu errichtet bzw. umgebaut.

Der dem neuen Markt zugewandte Ostgiebel des Rathauses wurde im Stil der Tudorgotik umgestaltet.

Somit erlangte die Kleinstadt Peitz im Marktbereich mit Kirche und Rathaus eine völlig neue städtebauliche Qualität, die mit der mittelgroßer Städte gemessen werden kann. Maurermeister Dworzartszeck aus Peitz erhielt am 7 August 1863 von den Stadtverordneten den Auftrag für den Umbau des Rathauses. Laut Angebot sollte der neue Giebel 285 Taler kosten. Am 5. September 1863 konnte man Dworzartszeck eine Abschlagszahlung von 150 Talern auszahlen. Im November 1863 stellte der Meister einen Ausführungsnachweis auf, wonach Kosten in Höhe von über 314 Talern in Rechnung gestellt wurden. Die Kommunalverwaltung bezahlte die Mehrkosten von rund 29 Talem nicht.

Bis 1900 wurden zwischen Rathaus und Kirche immer wieder Anbauten errichtet, die architektonisch eher mangelhaft waren. Dabei handelte es sich um einen Tresorraum für die ebenfalls im Rathaus untergebrachte Sparkasse sowie um die Toiletten.

Am Anfang unseres Jahrhunderts mehrten sich die Wünsche nach einem großen Sitzungssaal. Aus dem Jahr 1920 liegt eine Zeichnung vor, die einen Anbau in östlicher Richtung vorsah. Bei einer Ausführung dieser Idee wäre die Architektur des Schaugiebels erheblich gestört worden.

1928/29 kam es dann zum Umbau des Rathauses. Die Architekten Schmidt & Arnold lieferten dazu die Entwürfe. Bei diesen Arbeiten kann man von einer hohen architektonischen Qualität sprechen. Von einem Anbau in östlicher Richtung und damit einer Verstümmelung des Tudorgiebels wurde abgesehen. Im Obergeschoß kam es zum Einbau des neuen Sitzungssaals. Durch den Umbau des Dachgeschosses in diesem Bereich erzielte man eine größere Deckenhöhe des Saales. Das Treppenhaus mit Flur wurde ebenfalls repräsentativ neu gestaltet. Die Fenster des Flures und des Saals erhielten eine schöne Bleiverglasung mit dem Stadtwappen von Peitz, den Wappen der Provinz Brandenburg und des Staates Preußen und den Wappen von Peitzer Gewerbetreibenden. Sie wurden von den entsprechenden Institutionen bzw. Gewerbetreibenden gestiftet. Der schöne, repräsentative Zustand des Saales und des Treppenflures ist bis heute erhalten.

Nicht alle Zeitgenossen standen dem Umbau wohlwollend gegenüber Nachfolgender Zeitungsartikel veranschaulicht dies: „— Eingesandt! Zur Erneuerung unseres Rathauses muß man sagen: kann sich unsere kleine Stadt ohne nennenswerte Einnahmen überhaupt derartig viel Neuerung in so verhältnismäßig sehr kurzer Zeit leisten?

Hat sie nicht vor kurzem erst ein Amtsgerichtsgebäude mit Park angekauft (das Amtsgericht hat der Fiskus gekauft —die Red.), ein Ehrenmahl für die gefallenen Helden, sowie ein Gerätehaus, das einzig dasteht im Landkreise, gebaut? Sollen nicht im kommenden Jahre die Straßen gepflastert werden, die auch eine noch nicht ganz einwandfrei feststehende Summe verschlingen werden?

Gewiß eine sehr anzuerkennende Leistung. Aber ist man sich im Stadtparlament auch bewußt, wer die Träger dieser enormen Lasten unserer im Vergleich zu andern Städten weniger geschäftlich belebten Stadt sind?

Man soll nicht kritisieren, man soll für einen Fortschritt und für Hebung der Kommune sein, gewiß! Aber ist es notwendig, daß beim Umbau des Rathauses gerade Arbeiten aus-geführt werden sollen, die das Dreifache einer einfachen Ausführung kosten, wie z.B. die Sperrplattendecke im Flur? Können wir nicht zufrieden sein, daß das Verhandlungszimmer unserer Stadtväter vorläufig überhaupt im Rathause untergebracht werden kann?

Kann man sich nicht mit den allernötigsten Reparaturen abfinden? Die Erneuerung soll in einer Zeit geschehen, die einen ganz erstarren läßt! Ich will mich nicht in Einzelheiten verlieren, aber es ist nicht vorteilhaft, daß sich die Stadt und Stadtsparkasse überlasten.

Es wird viel von Hebung und Förderung der Industrie gesprochen.

Ist es daher nicht angebracht, daß die Stadtsparkasse ihre Ueberschüsse lieber dem Mittelstand in Form von Krediten zufließen läßt. Es wird damit noch einmal Geld zu Gunsten der Kommune verdient und der Handwerker, Gewerbetreibende, die Landwirtschaft sowie die mittleren Betriebe ersticken nicht am Geldmangel, fördern die Wirtschaft und der Arbeiter findet alsdann mehr wie bisher seine Arbeit im Ort! Ein Steuerzahler

Diese Ausführungen mögen zum Teil berechtigt sein, auf der anderen Seite malen sie wohl etwas zu schwarz und vergessen, das es auch Notwendigkeiten gibt, um die man nicht herum kann. Es wird dazu noch Verschiedenes zu sagen sein. Die Red.“

Nach dem 2. Weltkrieg wurden am Rathaus kaum Veränderungen vorgenommen. Selbst die Fenster mit dem Preußenadler und dem brandenburgischen Adler überdauerten zum Glück die DDR-Ära.

Nach der politischen Wende in der DDR kam es im Land Brandenburg zur Bildung von Ämtern. Das Amt Peitz entstand 1992. Die Stadtverwaltung Peitz sowie die kleineren Gemeindeverwaltungen wurden zu einer größeren Amtsverwaltung zusammengeschlossen. Der Sitz dieser Verwaltung war das Peitzer Rathaus sowie eine kleinere Außenstelle. Das historische Gebäude, für einen solchen Verwaltungsbetrieb natürlich viel zu klein und mit sanitären Einrichtungen von 1929, entsprach den neuen Anforderungen in keiner Weise. Deshalb wurden die Wünsche nach einer Erweiterung des Gebäudes immer dringender. Die ersten Studien gab die damalige Stadtverwaltung bereits 1991 in Auftrag. Fest stand von Anfang an, daß der Erweiterungsbau westlich des historischen Rathauses errichtet werden sollte. Als erste Baumaßnahme wurden die unschönen Anbauten, die in der Zeit nach etwa 1870 entstanden, entfernt Danach bot sich dem Betrachter ein städtebaulich vollkommenes Bild. Die Planung des Erweiterungsbaus zwischen historischem Rathaus und Kirche gestaltete sich äußerst schwierig. Sicher war, daß ein Neubau, egal in welcher Form, die Ansicht auf die Apsiden der Kirchen beeinträchtigen würde. Der Architekt stand vor einer großen Herausforderung.

Mitten in der Planungsphase ergaben sich neue Möglichkeiten. Die Stadt erwarb einen Teil einer ehemaligen Tuchfabrik. Bis November 1995 wurde dieses Industriegebäude zu einem großzügigen Verwaltungsgebäude umgebaut. Auf einen Erweiterungsbau am historischen Rathaus konnte verzichtet werden.

Mit Fördermitteln der Städtebauförderung kam es ab 1993 zur Sanierung des historischen Baukörpers. Zunächst wurden die Fundamente saniert. Vor allem der Ostgiebel von 1863 wies statische Mängel auf. Die ehemalige Schaufront, die Nordfassade, wurde rekonstruiert. Dabei wollte man weitestgehend den Zustand von 1850 erreichen. Das historische Rathaus dient heute als Sitz der Stadtverordneten und des Bürgermeisters. Ein Fremdenverkehrsbüro ist im Erdgeschoß untergebracht.

 

Quelle:
Preußische Verwaltungen und ihre Bauten 1800 bis 1945
Herausgegeben von Kristina Hübener
Verlag Berlin-Brandenburg Potsdam
ISBN 3-935035-14-4
Text: Dirk Redies

 

 
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